Zusammenfassung von: Hannah Arendt (1981): Vita activa oder Vom tätigen Leben. München. 2. Auflage.

Inhalt

  1. Vita activa und Condition Humaine
  2. Der Begriff der Vita activa
  3. Ewigkeit und Unsterblichkeit

Erstes Kapitel
Die menschliche Bedingtheit

1. Vita activa und Condition Humaine

Mit Vita activa fasst H. Arendt drei menschliche Grundtätigkeiten zusammen: Arbeiten, Herstellen und Handeln.

Jede von diesen entspreche einer Grundbedingung des menschlichen Lebens auf der Erde: Arbeit entspreche dem biologischen Prozess des menschlichen Körpers, d. h. allen Lebensnotwendigkeiten des lebendigen Organismus, die durch Arbeit erzeugt und zubereitet werden (Naturgebundenheit des Menschen).

Herstellen meine die Welt der künstlichen Dinge und Objekte, die von der Natur bis zu einem gewissen Grade unabhängig seien und menschliches Leben überdauern könnten (Angewiesenheit des Menschen auf Gegenständliches und Objekte).
Handeln bezeichne die einzige menschliche Grundtätigkeit, die sich ohne die Vermittlung von Materie, Material und Dingen direkt zwischen den Menschen abspiele (Pluralitätsbedingtheit des Menschen, d. h. Angewiesensein auf das Zusammenlebens mit Menschen).

Die drei Grundtätigkeiten und die ihnen jeweils entsprechenden Grundbedingungen sind nach H. Arendt in der allgemeinsten Bedingtheit menschlichen Lebens begründet: Geburt und Tod.

Während die Arbeit das „Am-Leben-Bleiben“ des Individuums und der Gattung sichere, schaffe das Herstellen eine beständige, von der Sterblichkeit der jeweiligen Weltbewohner relativ unabhängige Welt der Objekte; das Handeln – soweit es der Gründung und Erhaltung politischer Gemeinwesen diene – ermögliche die Generationenabfolge, Erinnerung und Geschichte.

Handeln sei an die Grundbedingung der Natalität (des Geborenseins) enger gebunden als Arbeiten und Herstellen, denn jeder Neubeginn, dem die Geburt eines Menschen gleichkomme, beruhe auf dessen Handlungsfähigkeit. Handeln sei die politische Tätigkeit par exellence.

Die menschliche Bedingtheit im Ganzen, die Condition Humaine, sei grundsätzlich dadurch gekennzeichnet, dass alles, was menschliches Leben berühre und in es eingehe, sich sofort in eine menschliche Existenz-Bedingung verwandle. Deshalb seien Menschen, was immer sie täten oder nicht täten, stets bedingte Wesen – was jedoch nicht gleichzusetzen sei mit der Natur des Menschen.

Was diese ist, könnten Menschen letztlich nicht beantworten, weil sie als individuelle Menschen nicht „über ihren eigenen Schatten springen“, als Menschen keinen Standpunkt außerhalb der Menschenwelt einnehmen könnten. Gleichwohl seien Menschen offenbar nicht in gleicher Weise erdgebundene Kreaturen wie andere Lebewesen. So verdankten sich die außerordentlichen Triumpfe moderner Naturwissenschaft einer Perspektive auf die erdgebundene Natur, die in gewissem Sinne durchaus einer Lokalisierung im Universum außerhalb der Erde entspreche.

2. Der Begriff der vita activa

Der in der griechischen Philosophie entstandene begriffliche Vorstellung einer Vita activa ist H. Arendt zufolge später aufgrund philosophischer Absichten und der Verwendung für politische Zwecke uminterpretiert worden.
Mit dem Verschwinden des antiken Stadt-Staates, der Polis, habe der Begriff seine eigentliche politische Bedeutung verloren und begonnen, alle Arten einer aktiven Beschäftigung mit den Dingen der Welt zu bezeichnen. Auch das Handeln sei nun auf das Niveau der Tätigkeiten herabgedrückt worden, die für das Leben auf der Erde unbedingt notwendig seien.

Der Hauptunterschied zwischen dem ursprünglich aristotelischen Begriff und dem späteren mittelalterlichen Begriff der Vita activa liege darin, dass Aristoteles damit nur das Handeln als im eigentlichen Sinne politische Tätigkeit gemeint habe, denn Arbeiten und Herstellen hätten als keines freien Mannes würdig gegolten, weil sie von den existentiellen Notwendigkeiten und Wünschen der Menschen erzwungen seien.

Auch das Ausüben politischer Herrschaft sei als notwendig (und selbstverständlich) und daher nicht als freie Lebensweise verstanden worden. Als letztere habe Aristoteles

  1. den Genuss und Verzehr des körperlich Schönen,
  2. das Erzeugen schöner Taten in der Polis und
  3. das Erforschen und Schauen dessen, was nie vergeht, sich in einem Bereich immerwährender Schönheit aufhält und dem Eingriff sterblicher Menschen entzogen ist (die Lebensweise des griechischen Philosophen)definiert.

Nur die dritte dieser Lebensweisen, die Vita contemplativa, sei nach der mittelalterlichen Umdefinition des Begriffes der Vita activa vom ursprünglichen aristotelischen Begriffsverständnis übrig geblieben.

Der Vorrang der Kontemplation vor Tätigkeiten jeglicher Art, auch des politischen Handelns, sei allerdings nicht christlichen Ursprungs, wie man vielleicht vermuten könnte. Das bewusste Desinteresse an Politik sei vom Christentum lediglich für alle gefordert worden und nicht, wie von den griechischen Philosophen, nur für freie Männer.

Was immer Körper und Seele bewege, so die Forderung, die äußeren wie die inneren Bewegungen des Sprechens und Denkens, müsse in der Kontemplation, im Betrachten der Wahrheit, zur Ruhe kommen. Dies habe nicht nur für das Sich-Zeigen der griechischen Seinswahrheit, sondern ebenso für die christliche Offenbarung der Wahrheit durch das Wort eines lebendigen Gottes gegolten.

Die besondere Bedeutung der Kontemplation als Lebensweise habe letztlich in beiden Interpretationen auf der Überzeugung beruht, dass keine Gebilde von Menschenhand es je an Schönheit und Wahrheit mit dem Natürlichen und dem Kosmischen aufnehmen könne, das ohne menschliche Einwirkung von Ewigkeit zu Ewigkeit „schwinge“.
Dieses „Ewigsein“ – so die übereinstimmende Vorstellung – könne sich den Sterblichen nur enthüllen, wenn alle Bewegungen und Tätigkeiten ruhten.

Die Vita activa sei also sowohl in griechisch-philosophischer als auch in christlicher Tradition vom Standpunkt der Vita contemplativa her bestimmt gewesen: die beschränkte Anerkennung ersterer habe sich lediglich der Bedürftigkeit des lebendigen Körpers verdankt.

Die begriffliche Aneignung des Begriffs der Vita activa durch H. Arendt steht nun nach deren eigenem Bekunden im Widerspruch zu dieser Tradition, weil sie die hierarchische Ordnung dieser Unterscheidung bezweifele. Die Gliederungen und Unterschiede innerhalb der Vita activa seien dadurch bis in die Neuzeit verwischt oder nicht beachtet worden.

Im Unterschied auch zu modernen Umkehrungen der überkommenen Ordnung gehe sie, H. Arendt, außerdem davon aus, dass die in der Vita activa zusammengefassten Tätigkeiten sich weder auf ein immer gleichbleibendes Grundanliegen des Menschen zurückführen ließen, noch, dass diese Tätigkeiten den Grundanliegen der Vita contemplativa überlegen oder unterlegen seien.

3. Ewigkeit und Unsterblichkeit

Seit das Denken sich vom Handeln emanzipiert habe (durch Sokrates/Plato), habe es – so H. Arendt – als selbstverständlich gegolten, dass dem reinen Denken, gipfelnd in der Kontemplation, einerseits und allen Arten von Tätigkeiten, durch die man sich auf die Welt einlasse, andererseits, zwei zentrale Anliegen des Menschseins entsprächen.

Das reine Denken habe als ein allen Prinzipien der Polis übergeordnetes Prinzip gegolten, also auch dem politischen Handeln übergeordnet. Damit sei zugleich ein Gegensatz zwischen Unsterblichkeit und Ewigkeit und mit ihm auch ein unlösbarer Konflikt zwischen dem philosophischen und dem politischen Leben entstanden.

Sterblichkeit habe den Griechen der Antike als das eigentliche Merkmal menschlicher Existenz gegolten – im Unterschied zu den unsterblichen Göttern und im Unterschied zu den zwar ebenfalls sterblichen Tieren, die jedoch nicht als einzigartige Individuen, sondern lediglich als Gattungswesen verstanden worden seien.
Die Aufgabe und mögliche Größe der Sterblichen habe man darin gesehen, „unsterbliche Taten“ hervorzubringen, also Werke, Taten, Worte, die unvergängliche Spuren in der Welt zurücklassen und im Kosmos des Immerwährenden angesiedelt werden können. Auf diese Weise könne eine Art von menschlicher Unsterblichkeit erlangt werden und damit der Nachweis der göttlichen Natur zumindest einiger Menschen, so die Vorstellung.

Die philosophische Erfahrung des Ewigen hingegen könne sich nur außerhalb des Bereichs menschlicher Angelegenheiten vollziehen und sei nur dem möglich, der die menschliche Gesellschaft verlassen habe, also durch eine Art des sozialen Tods.
Der Erfahrung des Ewigen, so die philosophische Annahme, entspräche im Unterschied zu der Erfahrung des Unsterblichen keine Art von Tätigkeit. Auch das Denken könne als eine Tätigkeit die Kontemplation des Ewigen nur unterbrechen und ruinieren.

Seit dieser Unterscheidung zwischen Unsterblichkeit und Ewigkeit sei alles Streben nach Unsterblichkeit in den fatalen Verdacht bloßer Eitelkeit und Geltungssucht geraten (und die diese Sicht vertretenden Philosophen in einen nicht mehr beizulegenden Konflikt mit der Polis sowie mit der herrschenden Religion).

Dass die philosophische Ausrichtung auf die Ewigkeit sich durchgesetzt habe, sei allerdings letztlich weniger dem Einfluss der Philosophen zuzurechnen als dem Untergang des Römischen Reiches, der handgreiflich bewiesen habe, dass kein Werk Sterblicher auf Unsterblichkeit hoffen dürfe, so H. Arendt.

Dieser Untergang sei zudem von der ewiges Leben für jeden verheißenden christlichen Botschaft „durchklungen“ gewesen.
Unter diesen Umständen habe sich die ursprüngliche Vorstellung der Vita activa nur noch halten können, sofern sie bereit gewesen sei, der Vita contemplativa zu dienen und sich deren Ansprüchen unterzuordnen.

Den Erfolg dieser Unterordnung sieht H. Arendt darin, dass auch der Aufstieg der Neuzeit mit ihren gewaltsamen Umkehrungen der überkommenen Ordnung des Verhältnisses von Handeln und Kontemplation es nicht vermocht habe, das Streben nach Unsterblichkeit, das einmal Quelle und Mittelpunkt der Vita activa wie der Politik überhaupt gewesen sei, auch nur dem Vergessen zu entreißen.

Literatur

  • Peters, Roswitha: Absatz 1-3 (Quelle)
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