Der Igel und der Fuchs (Zusammenfassung)

Zusammenfassung von: Isaiah Berlin (2009): Der Igel und der Fuchs. Essay über Tolstojs Geschichtsverständnis. Frankfurt. 1. Auflage.

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Inhaltsverzeichnis

  • Kapitel I
  • Kapitel II
  • Kapitel III
  • Kapitel IV
  • Kapitel V
  • Kapitel VI
  • Kapitel VII
  • Kapitel VII

Kapitel I

»Der Fuchs weiss viele Dinge, aber der Igel weiss eine grosse Sache«

Deutung: Fuchs muss bei aller Schlauheit gegenüber der einen Waffe des Igels kapitulieren. Im übertragenen Sinn auch gültig für Dichter und Denker:

  • Zusammenhängendes, klar gegliedertes System; ein einziges, universales, gestaltendes Prinzip, das allem, was sie sind und sagen, Bedeutung verleiht
  • Viele oft unzusammenhängende, sogar widersprüchliche Ziele; kein einendes, moralisches oder ästhetisches Prinzip. Denken sprunghaft und verschwommen; auf vielen Ebenen.

Wenn man es nicht allzu eng sieht, dann lassen sich folgende berühmten Schriftsteller/Denker zwischen Igel und Füchse einteilen:

  • Igel: Dante, Plato, Lukrez, Pascal, Hegel, Dostojewski, Nietzsche, Ibsen, Proust
  • Füchse: Shakespeare, Herodot, Aristoteles, Montaigne, Erasmus, Molière, Goethe, Puschkin, Balzac und Joyce

In der Rede Dostojewskis über Puschkin stellt er Puschkin so dar, als sei er ihm ähnlich und stellt ihn als »Träger einer einzigen, universalen Botschaft« dar. Diese Darstellung verkennt jedoch den füchsischen und wandelbaren Charakter des Puschkinschen Genies.

Wenn man so will, dann lässt sich die gesamte russische Literatur auf diese beiden Gegenspieler zuspitzen. Dostojewski auf der einen Seite und Puschkin auf der anderen. Bei Tolstoj lässt sich allerdings nicht so leicht beantworten, ob er ein Monist oder ein Pluralist ist. Das ist eigentlich erstaunlich, da Tolstoj uns »mehr über sich selbst, seine Ansichten und Einstellungen gesagt als irgendein anderer Russe«. Berlin stellt im Anbetracht dessen schliesslich folgende Hypothese auf:

»Tolstoj war seiner Natur nach ein Fuchs, selbst aber glaubte er ein Igel zu sein. Seine Gaben und Leistungen sind eines, seine Überzeugungen und also auch die eigene Interpretation seiner Leistungen ein anderes, und das folglich seine Ideale ihn und die die unter dem Eindruck seiner genialen Überredungskraft standen, zu einer systematischen Fehldeutung dessen geführt haben, was er und andere taten oder tun sollten.«

Der dadurch offensichtlich werdende Konflikt zwischen dem, was er war, und dem, was er glaubte, trat nirgends so klar hervor wie in seiner Geschichtsauffassung. Der Igel und der Fuchs ist gemäss Berlins Aussage

ein Versuch, sich mit Tolstojs Geschichtsverständnis auseinanderzusetzen, und geht sowohl auf seine Beweggründe für die von ihm vertretenden Ansichten als auch auf deren mutmassliche Quellen ein. Kurz, es handelt sich um den Versuch, Tolstojs Einstellung zur Geschichte so ernst zu nehmen, wie er es von seinen Lesern erwartete, wenn auch aus einem etwas anderen Grund – weil dadurch ein einzigartiger Genius, eher als das Schicksal der gesamten Menschheit, ins Licht gerückt wird.

II

Tolstojs Geschichtsphilosophie hat nicht die Beachtung erhalten, die sie verdient hätte. Vielen erschienen die philosophischen und geschichtlichen Passagen in Krieg und Frieden

als überflüssige Abschweifung. Zeitgenössische Schriftstellerkollegen kritisierten ihn deswegen, obschon sie ihn ansonsten für sein Schaffen sehr bewunderten. Turgenjew nennt seine historischen Ausführungen »albern« und einen »Schwindel«, auf den der Unaufmerksame hereinfallen solle. Er beschuldigte ihn der Erfindung »eines Systems, das für alles sehr einfache Lösungen hat; zum Beispiel für das Problem des historischen Fatalismus […]«

Flaubert hält fest: »il se répète et il philosophise«

Und der russische Kritiker Wassili Botkin schrieb: »Literaturkenner […] meinen, dass das gedankliche Element des Romans sehr schwach, die Geschichtsphilosophie trivial und oberflächlich, die Leugnung des entscheidenden Einflusses einzelner Persönlichkeiten auf die Ereignisse nichts als eine mystische Spitzfindigkeit sei […]«

Zeitgenössische Historiker und Militärexperten kritisierten zudem die Ungenauigkeiten in den Fakten in Krieg und Frieden. Dmitri Achscharumows Kritik steht stellvertretend für viele: »Es ist ein Glück für uns, dass der Verfasser ein besserer Künstler als Denker ist«

In der russischen Geistesgeschichte pflegt man Tolstojs Geschichtsphilosophie schliesslich als »Fatalismus« einzuordnen.

Durchsichten von Tolstojs Tagebüchern und Briefen zeigen jedoch, dass sein Interesse an Geschichte und dem Problem der geschichtlichen Wahrheit leidenschaftlich war und Formen von Besessenheit annahm. Die Vorwürfe von »Scharlatanerie«, »Oberflächlichkeit« oder »intellektueller Schwäche« erscheinen als ungerechtfertigt. Hierin zeichnet sich ein Paradoxon ab:

Tolstojs entschieden unhistorische und im Grunde antihistorische Zurückweisung aller Versuche, das Handeln des Menschen oder seinen Charakter durch eine soziale oder individuelle Entwicklung oder aus ›Wurzeln‹ in der Vergangenheit zu erklären oder zu rechtfertigen, und dann sein intensives und lebenslanges Interesse an Geschichte, das zu künstlerischen und philosophischen Ergebnissen führt, die bei an sich vernünftigen und wohlwollenden Kritikern so merkwürdig verunglimpfende und wohlwollenden Kritikern so merkwürdig verunglimpfende Kommentare hervorrufen — das ist sicherlich etwas, was Aufmerksamkeit verdient

III

Tolstoj interessierte sich schon früh in seinem Leben für Geschichte und wollte zu den ersten Ursachen der Dinge vordringen. Hinzu kamen seine Liebe zum Konkreten, Empirischen, Verifizierbaren und ein instinktives Misstrauen gegen das Abstrakte, das Unbegreifliche, das Übernatürliche, kurz, schon früh eine Neigung zu einer wissenschaftlichen und positivistischen Einstellung, die die Romantik, abstrakte Formulierungen und Metaphysik ablehnt. Für ihn enthielt nur die Geschichte allein, nur die Summe der konkreten Ereignisse in Raum und Zeit die Wahrheit und den Stoff, aus dem echte Antworten gewonnen werden konnten – Antworten, die zu begreifen es keiner besonderen Sinne oder Fähigkeiten bedurfte, welche normale Menschen nicht besassen. Er war ein Feind des Transzendentalismus

.Er wuchs während der Glanzzeit der Hegelschen Philosophie auf, die alles mit Begriffen der geschichtlichen Entwicklung zu erklären suchte, diesen Prozess aber letztlich für die Methoden empirischer Forschung für unzugänglich hielt. Der junge Tolstoj wurde zwar vom Historismus seiner Zeit beeinflusst, lehnte jedoch seinen metaphysischen Gehalt instinktiv ab und bezeichnete Hegels Schriften als unverständliches Kauderwelsch.

Was sollen wir tun? Wie sollen wir leben? Warum sind wir hier? Was müssen wir sein und tun? Die Untersuchung historischer Zusammenhänge und die Forderung nach empirischen Antworten auf diese Fragen wurden in Tolstojs Geist ein. Er glaubte, dass philosophische Grundsätze nur in ihrem konkreten Ausdruck in der Geschichte verstanden werden könnten. Mit diesem Projekt setzt bei Tolstoj jedoch gleichsam Enttäuschung ein:

die Geschichte, wie sie von Historikern geschrieben wird, stellt Ansprüche, die sie nicht einlösen kann, weil sie, wie die metaphysische Philosophie, etwas zu sein vorgibt, was sie nicht ist, nämlich eine Wissenschaft, die zu sicheren Schlussfolgerungen gelangen vermag«

Er konstatiert, dass sie die grossen Fragen, die die Menschen jeder Generation gequält haben, nie lösen wird, denn sie kann es nicht. Sie ist »nichts als eine Sammlung von Fabeln und nutzlosen Banalitäten, die von einer Masse unnötiger Zahlen und Namen durcheinandergebracht werden«

Die Geschichte enthüllt keine Ursachen, sie zeigt nur eine blosse Folge von unerklärten Ereignissen; »Alles wird in ein Schema gezwängt, das von den Historikern erfunden wurde«

Wenn die Geschichte eine Wissenschaft war, so muss es möglich sein, eine Reihe wahrer Geschichtsgesetze zu entdecken und zu formulieren, die in Verbindung mit den Daten empirischer Beobachtung eine Vorhersage der Zukunft gestatten würden, wie es in der Geologie oder Astronomie möglich geworden ist; in Wirklichkeit kann dies jedoch nicht geleistet werden. Wäre dies möglich, so würde dies dem menschlichen Leben, wie wir es kennen, ein Ende bereiten; spontane Aktivität und freier Wille würden zur Makulatur verkommen:

»Mit der Annahme, das ganze menschliche Leben könne allein nach den Grundsätzen des Verstandes geleitet werden, verneint man die Möglichkeit des Lebens selbst«

Tolstoj beklagte aber nicht nur den »unwissenschaftlichen« Charakter der Geschichtsschreibung, sondern auch die offensichtlich willkürliche Auswahl des Stoffes und die nicht minder willkürliche Akzentsetzung. Die Geschichte, wie sie gewöhnlich geschrieben wird, stellt im allgemeinen »politische« – öffentliche – Ereignisse als die wichtigsten dar, während geistige – innere – Ereignisse weitgehend vergessen werden. Doch letztere sind die realste, unmittelbarste Erfahrung menschlicher Wesen; aus ihnen besteht das Leben letztlich.

Berlin sieht in diesem Prinzip auch eine Entsprechung in Krieg und Frieden. Eines von Tolstojs Hauptzielen in Krieg und Frieden war

»die ›wirkliche‹ Textur des Lebens, sowohl der Individuen wie auch der Gemeinschaften, mit dem ›unwirklichen‹ Bild zu kontrastieren, das von den Historikern geboten wird. Wieder und wieder wird uns auf den Seiten von Krieg und Frieden ›die Wirklichkeit‹ nahegebracht, das, was ›wirklich‹ geschehen ist — in scharfem Gegensatz zu den Verfälschungen, die später die amtlichen Berichte für die Öffentlichkeit prägen wie auch das Bewusstsein der Akteure selbst, deren ursprüngliche Erinnerungen nunmehr von ihrem eigenen treulosen Gedächtnis […] überschrieben werden.«

Es besteht eine Tendenz, unwichtigen Sachverhalten eine ihnen unangemessen grosse Bedeutung zukommen zu lassen. Dem entspricht der Glaube, grosse Männer der Geschichte wären für den Gang der Dinge verantwortlich. Gemäss Berlin komme Tolstoj auf Basis dieser Einsicht zu einem seiner berühmten Paradoxe:

»Je höher Soldaten oder Staatsmänner auf der Pyramide der Autorität stehen, desto weiter müssen sie von der Basis entfernt sein, die aus jenen einfachen Männern und Frauen besteht, deren Leben der eigentliche Stoff der Geschichte ist, und desto geringer ist daher, trotz aller ihrer theoretischen Autorität, die Wirkung der Worte und Taten so ferner Personen auf jene Geschichte«

Der Mensch, der in einem historischen Vorgang eine Rolle spielt, begreift den Sinn des Vorgangs nie. Seine Versuche, seine Rolle mit den Mitteln des Verstandes zu begreifen, sind zur Fruchtlosigkeit verurteilt.

Jeder Anspruch, Muster zu erkennen, die »wissenschaftlichen« Formeln gehorchen, muss verlogen sein. Napoleon ist daher in den Augen von Tolstoj »der armseligste und verächtlichste Schauspieler in der grossen Tragödie.« Tolstoj will die Illusion entlarven, dass Individuen aus eigener Kraft den Gang der Dinge verstehen und beherrschen können.

Diese panoramaartige Sicht der Historiker ist unwahr und kontrastiert mit dem »Lebensstrom«, dem die Menschen verstehen, die Sorge für die gewöhnlichen Kleinigkeiten des alltäglichen Lebens. Alleine wirklich ist »die individuelle Erfahrung, die besonderen Beziehungen der Individuen zueinander […], Eifersucht, Liebe, Hass, Leidenschaften, der seltene Gedankenblitz, […] die gewöhnlichen, alltäglichen, privaten Geschehnisse, aus denen alles, was ist, besteht«

Was also ist dann die Aufgabe des Historikers? Sicherlich nicht die Analyse und Beschreibung der Erfahrung, der Beziehungen, der Probleme und des Innenlebens von Individuen. Dies sind bloss die banalen »Blüten« des Lebens, nicht seine »Wurzeln«. Geschichte ist offensichtlich keine Wissenschaft, und Soziologie, die vorgibt, eine zu sein, ist Betrug; es sind keine wahren Gesetze der Geschichte entdeckt worden. Historiker, die Ereignisse auf Handlungen von Individuen zurückführen, erklären nicht, wie diese Handlungen die Ereignisse »bewirken«, die sie angeblich »bewirken« oder »verursachen«.

Politische Historiker führen Ereignisse lediglich auf die »Macht« zurück, die Individuen über andere haben sollen, aber sie sagen uns nicht, was das Wort »Macht« bedeutet, obwohl doch dies genau der Kern des Problems ist. Wie erwirbt man sie? Kann sie von einer Person auf eine andere übertragen werden?

Auch Kulturhistoriker verfahren nicht bessern, denn sie führen bloss einen zusätzlichen Faktor ein, der als »Kraft« der Ideen oder Bücher bezeichnet wird. Die Bedeutung von Ideen wird übertrieben und sie sind letztlich nichts weiter als Waren, mit denen Intellektuelle handeln. Der berühmte Begriff des Gesellschaftsvertrags spricht davon, dass die Macht vieler Menschen, auf ein Individuum oder einer Gruppe von Individuen »übertragen« werden. Aber was für eine Handlung ist diese »Übertragung«? Der Gesellschaftsvertrag erklärt, dass die Übertragung von Macht mächtig macht, doch diese Tautologie ist nichtssagend. Was ist »Macht« und was bedeutet »Übertragung«. Wer überträgt sie, und wie geschieht das?

Tolstoj bemüht sich in Krieg und Frieden darum zu zeigen, dass Napoleons Einfluss auf die Schlacht von Borodino nicht merklich ins Gewicht fallen konnte. Nachdem er mit der heroischen Geschichtstheorie fertig ist, zieht er mit noch grösserer Vehemenz gegen die wissenschaftliche Soziologie zu Felde, die Gesetze der Geschichte entdeckt zu haben behauptet, aber unmöglich gefunden haben kann, weil die Zahl der Ursachen, von denen die Erkenntnisse abhängen, zu gross ist, als dass Menschen sie kennen oder errechnen könnten. Wir kennen zu wenige Fakten, und wir treffen unsere Auswahl aufs Geratewohl und im Einklang mit unseren subjektiven Neigungen.

Wären wir jedoch allwissend, könnten wir die Geschichte verstehen. Dies hat Konsequenzen für die Willensfreiheit; sie ist eine Illusion, die sich nicht abschütteln lässt:

»Je enger wir eine Handlung in Beziehung zu ihrem Kontext setzen, desto weniger frei scheint der Handelnde, desto weniger Verantwortung trägt er für seine Handlung, und desto weniger sind wir geneigt, ihn zur Rechenschaft zu ziehen oder schuldig zu finden. Die Tatsache, dass wir niemals alle Ursachen entdecken und alle menschlichen Handlungen auf die sie bedingenden Umstände beziehen können, bedeutet nicht, dass sie frei sind, sondern nur, dass wir nie wissen werden, wodurch sie nötig wurden«

Tolstojs zentrale These ist, dass es ein Naturrecht gibt, das das Leben nicht weniger determiniert als das Naturgesetz, dass aber die Menschen diesen unerbitterlichen Prozess, da sie unfähig sind, ihn zu ertragen, als eine Abfolge freier Wahlhandlungen darstellen, um die Verantwortung für das, was geschieht, Personen aufzuerlegen, die sie mit heroischen Tugenden oder heroischen Lastern ausstatten und als »grosse Männer« bezeichnen.

In Krieg und Frieden geht Tolstoj mit den Tatsachen grosszügig um, wenn er damit seine Thesen stützen kann.

Dies rührt von einem quälenden inneren Konflikt; denjenigen zwischen dem öffentlichen und privaten Wertesystem. Er äussert sich in den Thesen von dem Gegensatz zwischen der universalen und entscheidend wichtigen, aber trügerischen Erfahrung des freien Willens, dem Gefühl der Verantwortung und allgemein den Werten des Privatlebens auf der einen Seite und andererseits der Realität eines unerbittlichen geschichtlichen Determinismus, der zwar nicht direkt erfahren wird, aber aus unwiderlegbaren theoretischen Gründen für wahr gehalten werden muss.

Einige der besten Seiten von Krieg und Frieden sind Fragen der persönlichen Verantwortung und dem Glauben an die Freiheit sowie die Möglichkeit des spontanen Handelns gewidmet; jedoch ist dies paradoxerweise genau jene Illusion, die gebannt werden muss, wenn man der Wahrheit ins Gesicht sehen will.

Der einzelne ist schliesslich insofern frei, als es nur um ihn alleine geht. Wenn er einen Arm hebt, dann ist er innerhalb physikalischer Grenzen frei. Wenn er aber einmal in Beziehungen zu anderen steht, dann ist er nicht mehr frei, sondern ein Teil des unerbitterlichen Stroms. »Die Freiheit ist wirklich, aber sie ist auf belanglose Akte beschränkt.«

Letzlich können wir aber glücklich darüber sein, dass wir die Illusion des freien Willens nicht verlieren, denn ihr Verlust würde das Leben lähmen, das auf Grundlage unserer fröhlichen und glücklichen Unwissenheit beruht. Wir dürfen beruhigt sein; wir werden die Ursachen des geschichtlichen Verlaufs nie entdecken, denn ihre Zahl ist unendlich gross und sie selbst sind unendlich klein. Die Historiker wählen einen lächerlich kleinen Teil von ihnen aus und führen alles auf diesen willkürlich ausgewählten Ausschnitt zurück.

Eine ideale historische Wissenschaft könnte dahingehend funktionieren, dass sie diese unendlich kleinen menschlichen und nichtmenschlichen Handlungen und Ereignisse integriert würden. Dann wäre die Kontinuität der Geschichte nicht mehr willkürlich zerstückelt und verzerrt.

Da die historischen »Pseudowissenschaften« nur unbefriedigende Resultate liefern, hebt Tolstoj den gesunden Menschenverstand des einfachen Mannes hervor; dieser ist in langer Erfahrung erprobt worden. Das ist auch der Grund, warum er einen Kutusow erfindet, der seinem einfachen russischen, ungeschulten Instinkt folgt und ihn in den Rang eines Nationalhelden erhebt.

Tolstoj wurde wie bereits erwähnt von Zeitgenossen teils heftig für seine philosophischen Ausflüge kritisiert. Der Historiker Karajew hingegen nahm Tolstojs Theorie ernst und wollte sie rational widerlegen. Einerseits lobte er Tolstojs Kritik an manchen Historikern, die behaupteten Geschichte entspringe obskuren Wesenheiten wie »Macht« oder »geistiger Aktivität«. Andererseits sei er aber darin zu weit gegangen, jegliche Form von Abstraktion derart zu verabscheuen, dass überhaupt keine Geschichtsschreibung mehr möglich wäre und sich nicht mehr über Geschichte oder Gesellschaft nachdenken liesse. Ferner bestritt er die totale Irrelevanz »grosser« Männer:

Die ›wichtigen Leute‹ sind weniger wichtig, als sie selbst […] annehmen mögen, aber sie sind doch auch keine blossen Schatten. Ausser ihrem eigenen Innenleben, das für Tolstoj allein wirklich ist, haben die Individuen soziale Ziele, und einige besitzen auch einen starken Willen und verändern manchmal das Leben von Gemeinschaften

Tolstojs Begriff von unerbittlichen Gesetzen, die sich durchsetzen, ganz gleich, was die Menschen wollen oder mögen, sei letztlich selbst ein beklemmender Mythos.

So gut Karejews Einwände auch waren, zielten sie doch am Wesen der Sache vorbei. Denn Tolstoj ging es nicht in erster Linie um die Entlarvung der Trugschlüsse von Formen der Geschichtsschreibung, sondern die ganze Kritik scheint scheint einem schweren inneren Konflikt zu entspringen. Einem Konflikt zwischen seiner tatsächlichen Erfahrung und seinen Überzeugungen, zwischen seiner Vorstellung vom Leben und seiner Theorie davon, wie das Leben und er selbst sein sollten, um für das Denken überhaupt erträglich zu sein. Seine Überzeugung, dass allein die Eigenschaften des persönlichen Lebens wirklich seien, und seiner Lehre, dass ihre Analyse nicht ausreiche, um den Lauf der Geschichte (d.h. das Verhalten der Gesellschaften) zu erklären.

Boris Eichenbaum entwickelt die These, dass Tolstoj am meisten unter seinem Mangel an positiven Überzeugungen litt.

Eichenbaums Theorie scheint allgemein zutreffend, denn Tolstoj warn von Natur aus kein Visionär; jede trostspendende Theorie, die eine Einheit aller Dinge garantierte, und zeigen wollte, dass »letzten Endes« alles miteinander zusammenhing, brachte er verächtlich und mühelos zum Zusammenbrechen. Dennoch suchte er nach einem universalen Erklärungsprinzip; er hoffte immer, dass die verzweifelt gesuchte Einheit durch die Zerstörung von Attrappen und Täuschungen hervorgehen würde. Je länger diese erfolglose Suche jedoch andauerte, umso verzweifelter wurde er. Schliesslich ist:

Die dünne, ›positive‹ Theorie des historischen Wandels in Krieg und Frieden alles, was von dieser verzweifelten Suche übrigbleibt, und es liegt an der unvergleichlichen Überlegenheit der Tolstojschen Offensivwaffen über seine Verteidigungsmittel, dass seine Geschichtsphilosophie – die Theorie der winzigen, integrationsbedürftigen Partikel – dem durchschnittlichen, einigermassen kritischen und sensiblen Leser des Romans so fadenscheinig und künstlich erscheint.

Das ungleiche Verhältnis der kritischen und konstruktiven Elemente in seinem eigenen Philosophieren scheint auf die Tatsache zurückführbar zu sein, dass sein Sinn für die Wirklichkeit (eine Wirklichkeit, die allein in Einzelpersonen und ihren Beziehungen besteht) dazu diente, mit all den grossen Theorien, die seine Befunde ignorierten, gründlich aufzuräumen, dass aber dieser Wirklichkeitssinn selbst sich als unzureichend erwies, um die Grundlage für eine befriedigende allgemeine Darstellung der Tatsachen zu bilden. Tolstoj scheint nicht begriffen zu haben, dass hier die Wurzel des »Dualismus« lag, des Misslingens der Versöhnung der »zwei Leben, die der Mensch lebt«.

Um noch einmal auf die Einteilung der Künstler in Füchse und Igel zurückzukommen: Tolstoj nahm die Wirklichkeit in ihrer Vielfalt als eine Sammlung von getrennten Gegebenheiten wahr, die er mit einer Klarheit überschaute, wie kaum sonst jemand, aber er glaubte schliesslich doch nur an ein grosses, einheitliches Ganzes. Die Fülle und individuelle Wesensart jeder Person in Tolstojs Welt soll nicht darüber hinwegtäuschen, dass er an das Gegenteil einer solchen Betrachtungsweise glaubte:

Er befürwortete eine einzige umfassende Sicht, er predigte nicht Vielfalt, sondern Einfachheit und plädierte nicht für viele Bewusstseinsebenen, sondern für die Beschränkung auf eine einzige — in Krieg und Frieden die Werte des guten, ehrlichen Menschen, der spontanen und offenen Seele, später die der Bauern oder einer einfachen christlichen Ethik, losgelöst von jeder komplizierten Theologie oder Metaphysik, ein schlichtes, gleichsam utilitaristisches Kriterium, durch das alles zueinander in Beziehung gesetzt, miteinander verglichen und an einem einfachen Massstab gemessen werden kann.

IV

Theorien entstehen selten in einem Vakuum und daher ist es interessant, nach den Wurzeln der Tolstojschen Geschichtsauffassung zu fragen. Es ist allgemein bekannt, dass er Rousseau viel zu verdanken hatte und den analytischen und antihistorischen Zugang zu sozialen Problemen wahrscheinlich von ihm, ebenso von Diderot und der französischen Aufklärung übernahm, besonders die Neigung, diese Probleme unter zeitlosen logischen, moralischen und metaphysischen Kategorien zu behandeln und nicht wie die deutsche historische Schule unter dem Gesichtspunkt der Entwicklung und der Reaktion auf eine sich wandelnde geschichtliche Umwelt. Dennoch vermag man Tolstojs Geschichtsverständnis nicht mit dem zutiefst unhistorischen Rousseau zu erklären.

Wir kommen der Sache ein wenig näher, wenn wir die slawophilen Zeitgenossen Tolstojs wie Pogodin, Ssamarin oder Tjutschew berücksichtigen. Vielleicht haben sie dazu beigetragen, dass er gegen alle Geschichtstheorien misstrauisch wurde, die sich am Vorbild der Naturwissenschaften orientierten. Möglicherweise haben sie in ihm zusätzlich seinen natürlichen Antiintellektualismus und Antiliberalismus verstärkt. Doch obwohl beide einen gemeinsamen Gegner bekämpften, wichen ihre Ansichten stark voneinander ab; die Slawophilen hatten ihre Lehren weitgehend dem deutschen Idealismus entlehnt und glaubten, dass man wahres Wissen nicht durch den Gebrauch des Verstandes, sondern nur durch eine Art schöpferischen Selbstidentifikation mit der Weltseele erlangen könne. Tolstoj stand zu dem in scharfem Gegensatz:

Er glaubte, dass Wissen sich nur durch geduldige Beobachtung erlangen liess, dass dieses Wissen immer unzulänglich war, dass einfache Menschen die Wahrheit oft besser erkannten als gebildete, und dies nicht, weil sie inspirierte Träger der göttlichen Eingebung waren, sondern weil ihre Art, die Menschen und die Natur zu beobachten, von nichtssagenden Theorien weniger vernebelt war.

Tolstoj kann ferner eine Sympathie zu Proudhon attestiert werden; er mochte dessen konfusen Irrationalismus und Puritanismus, sein Hass gegen jede Autorität und gegen die Intellektuellen sowie sein allgemeiner Rousseauismus und seine Leidenschaftlichkeit.

Ferner stand ihm auch Schopenhauer nahe: Dieser einsame Denker entwarf ein düsteres Bild vom ohnmächtigen menschlichen Willen, der sich verzweifelt gegen die starren Gesetze der Welt auflehnt. Wenn man so will, dann entsprach diese Lehre Tolstojs späterer Ansicht, dass der Mensch leide, weil er zuviel wolle, zu sehr von törichtem Ehrgeiz erfüllt sei und seine Fähigkeiten auf groteske Weise überschätzte.

Von Stendhal übernahm er schliesslich seine realistischen und kühlen Schildungen des Kriegsgeschehens.

V

Tolstoj las offenbar auch Joseph de Maistre; auf jeden Fall sind in Krieg und Frieden auffallende Parallelen zu de Maistres Denken erkennbar. Der savoyische Royalist de Maistre betonte die Notwendigkeit von absoluter Autorität, Bestrafung und ständiger Unterdrückung, wenn Zivilisation und Ordnung überhaupt überleben sollten. Inhalt und Ton seiner Schriften stehen Nietzsche und d‘Annunzio nahe.

Klarer und kühner als irgendjemand vor ihm, erklärte Maistre, dass der menschliche Verstand, gemessen an den Naturkräften, nur ein schwaches Werkzeug sei und dass rationale Erklärungen des menschlichen Verhaltens selten etwas erklärten. Er behauptete, dass nur das Irrationale, eben weil es einer Erklärung trotze und daher von der kritischen Vernunft nicht untergraben werden könne, Bestand zu haben und stark zu sein vermöge. Das Schlachtfeld erschien Maistre als der typische Ausdruck des Lebens in all seinen Aspekten, und er verspottete die Generäle, die glaubten, dass sie die Bewegung ihrer Truppen in der Hand hatten und den Gang der Schlacht lenkten.

Als erstes machte der französische Historiker Albert Sorel auf die Parallelen zwischen Maistre und Tolstoj aufmerksam — obgleich Maistre Theokrat war und Tolstoj »Nihilist« —beide hielten die ersten Ursachen der Ereignisse für unerkennbar und setzten damit den menschlichen Willen zur Bedeutungslosigkeit herab.

Tolstoj gleicht Maistre darin, dass er sich vor allem für die ersten Ursachen interessiert und Fragen stellt, die von der Art sind wie die folgende Maistres: »Erklären Sie mir, warum nach dem Urteil des ganzen Menschengeschlechts ohne Ausnahme als das Ehrenhafteste das Recht gilt, unschuldig das Blut Unschuldiger zu vergiessen.«

Er gleicht ihm auch darin, dass er alle rationalistischen oder naturalistischen Antworten verwirft, indem er ungreifbare psychologische und »spirituelle« Faktoren als bestimmende Ereignisse hervorhebt.

Doch die Parallele besteht noch auf einer tieferen Ebene: Beide zeigen die gleiche heftige Reaktion gegen den liberalen Optimismus, der mit der menschlichen Güte, der menschlichen Vernunft und dem Wert oder der Unausweichlichkeit des materiellen Fortschritts rechnete. Beide sind erbitterte Gegner der Vorstellung, dass die Menschheit durch rationale und wissenschaftliche Methoden auf ewig glücklich und tugendhaft werden könne.

Beide teilten trotz ihrer grossen Unterschiede die Form einer scharfen Skepsis gegenüber der wissenschaftlichen Methode, eines Misstrauens gegen jeden Liberalismus, Positivismus und Rationalismus sowie gegen alle Formen von hochmütigem Antiklerikalismus und führte zu einer bewussten Betonung der »unangenehmen« Seiten der Geschichte.

In Tolstojs Augen sind die Intellektuellen kluge Narren, die sich leere Spitzfindigkeiten ausdenken und blind und taub sind für die Wirklichkeit, die von einfacheren Gemütern begriffen wird. Maistre und Tolstoj bekennen ihren Glauben an die tiefe Weisheit des unverdorbenen einfachen Volkes und beiden erschien die westliche Welt als verrottet und in raschem Verfall begriffen.

Im Grunde waren beide unnachgiebig pessimistische Denker. Trotz der Tatsache, dass Maistre ein fanatischer Ultramontaner und ein Verteidiger der bestehenden Institutionen war, während Tolstoj, unpolitisch in seinem Frühwerk, keinerlei Anzeichen radikaler Gesinnung erkennen liess, hielt man beide eigentlich für Nihilisten, unter deren Händen sich die menschlichen Werte des neunzehnten Jahrhunderts auflösten:

Beide suchten aus ihrem ausweglosen und unbeantworteten Skeptizismus einen Ausweg in einer umfassenden und unerschütterbaren Wahrheit, die sie vor den Folgen ihrer eigenen natürlichen Neigungen und ihres Temperamentes schützen sollte: Maistre suchte diese Rettung in der Kirche, Tolstoj in dem unverdorbenen menschlichen Herzen und der schlichten brüderlichen Liebe.

Bei allen Gemeinsamkeiten gibt es jedoch auch zahlreiche Unterschiede. Es ist zwar richtig, dass sowohl Tolstoj wie Maistre dem Krieg und dem Konflikt die grösste Bedeutung zuschrieben, doch Maistre verherrlichte den Krieg, während Tolstoj ihn hasst.

Maistre glaubt an die Autorität, weil sie eine irrationale Kraft war, er glaubte an die Notwendigkeit der Unterwerfung, die Unvermeidlichkeit des Verbrechens und die überragende Bedeutung von Inquisition und Strafen. Von so viel grauen, Verbrechen und Sadismus ist Tolstoj weit entfernt, und er ist auch, trotz Albert Sorel und Vogüé, keineswegs ein Mystiker: Es gibt nichts, was er nicht in Frage stellen würde, und er glaubt, dass es eine einfache Antwort geben muss.

Maistre war ein Anhänger des hierarchischen Prinzips und glaubte an eine sich selbst aufopfernde Aristokratie, Heroismus und Gehorsam. Dafür befürwortete er die Erziehung in Russland in Hände der Jesuiten zu legen. Der Verfasser von Krieg und Frieden hasste hingegen die Jesuiten und hat sein ganzes Leben gegen den unverhüllten Obskurantismus und gegen die künstliche Unterdrückung des Verlangens nach Erkenntnis gekämpft.

VI

Eine der auffallendsten Gemeinsamkeiten in den Überlegungen der beiden Denker ist jedoch ihre Betonung des »unerbitterlichen« Ganges der Ereignisse. Beide sehen das Geschehen als ein dichtes, undurchsichtiges und unentwirrbar kompliziertes Gewebe von Eriegnissen, Dingen und Eigenschaften.

Für Maistre versteht nur die Kirche die »inneren« Bewegungen und die »tieferen« Strömungen der Welt. Allwissend ist nur Gott. Nur indem wir uns in sein Wort und in seine theologischen und metaphysischen Prinzipien versenken dürfen wir hoffen, weise zu werden, während die Vernunft bloss der Versuch ist, unsere eigenen willkürlichen Regeln an deren Stelle zu setzen. Praktische Weisheit ist weitgehend Erkenntnis des Unvermeidlichen; die seltene Fähigkeit, dies zu sehen wird mit Recht als »Realitätssinn« bezeichnet.

Tolstoj denkt nicht viel anders, nur sieht er den Grund für die Torheit unserer übertriebenen Ansprüche, die Ereignisse zu verstehen, in unserer Unkenntnis einer zu grossen Zahl aus der ungeheuren Menge von Zwischengliedern, jener winzigen bestimmenden Ursache der Ereignisse. Die Lehre in Krieg und Frieden lautet:

dass alle Wahrheit in der Wissenschaft, in der Kenntnis der materiellen Ursachen liegt und dass wir uns deshalb lächerlich machen, wenn wir, ohne genügend Beweise zu haben, unsere Schlüsse ziehen, und deshalb schneiden wir im Vergleich zu den Primitiven und den Bauern schlecht ab, die gar nicht so viel unwissender, aber wenigstens in ihren Ansprüchen bescheidener sind

In Krieg und Frieden will der Autor zeigen, dass die »Helden« des Romans nach den Stürmen und Verzweiflungskämpfen vergangener Jahre eine Art Frieden erlangt haben, indem sie einer Art von Einsicht zuteil wurden. Eine Einsicht in die Notwendigkeit sich zu unterwerfen. Nicht einfach dem Willen Gottes, auch nicht unter die »ehernen Gesetze« der Wissenschaften, sondern unter die dauerhaften Beziehungen der Dinge und das universale Gewebe menschlichen Lebens. Dies bedeutet vor allem, dass man begriffen hat, was menschlicher Wille und menschlicher Verstand vermag und was nicht. Wie jedoch kann man das wissen? Nicht durch eine besondere Untersuchung und Entdeckung, sondern durch eine nicht unbedingt ausdrückliche und bewusste Wahrnehmung gewisser allgemeiner Merkmale des menschlichen Lebens und Erfahrens.

Man kann auch von Weisheit sprechen; sie ist keine wissenschaftliche Erkenntnis, sondern eine besondere Empfänglichkeit für die Konturen und Umstände, in denen wir uns nun einmal befinden. Sie ist eine Fähigkeit, sich von Faustregeln leiten zu lassen, gänzlich so, wie man es bei den Bauern oder anderen »einfachen Leuten« finden soll.

Die Tugend des Kutusow besteht für Tolstoj nicht darin, dass er ein besserer, wissen-schaftlicherer Kriegstheoretiker ist als Pfuel oder Paulucci; er ist weiser, nicht kenntnisreicher, nicht sein deduktives oder induktives Denken zeichnet ihn aus, sondern seine Sicht ist »tiefer«, er sieht etwas, was die anderen nicht sehen, er sieht den Lauf der Welt. Dieses »Sehen« vermittelt eigentlich keine neuen Kenntnisse über die Welt, sondern es ist ein Gewahrwerden des Zusammenspiels des Unwägbaren mit dem Wägbaren.

Tolstoj selbst weiss schliesslich nur um diese Weisheit, aber hat sie selbst nie zu Gesicht bekommen. Er versucht sie mit immer grösserer Genauigkeit, mit kraftvoller Individualität und mit einer obsessiven, unausweichlichen, unzerstörbaren, alles durchdringenden Luzidität zu finden und sieht am Ende doch nur die Vielheit; er hat keine Vision des Ganzen, deshalb ist er ein Fuchs und kein Igel.

VII

Wir sind Teil eines viel grösseren Zusammenhangs der Dinge, als wir verstehen können; dem müssen wir uns fügen. Solange wir das nicht getan haben, werden wir vergeblich protestieren und leiden und obendrein noch (wie Napoleon) am Ende als traurige Narren dastehen.

Maistre und Tolstoj geht es darum, die ewigen Grenzen unserer Erkenntnis und Macht zu bestimmen und von dem abzugrenzen, was der Mensch im Prinzip nie wissen oder verändern können wird. Tolstoj denkt, dass dies von strukturellen Determinanten abhängt:

»Wir sind, was wir sind, und wir leben in einer vorgegebenen Situation, die bestimmte physische, psychische und soziale Merkmale hat. Was wir denken, fühlen und tun, ist dadurch bedingt, einschliesslich unserer Fähigkeit, mögliche Alternativen, sei es in Gegenwart, Zukunft oder Vergangenheit, auszudenken. […] Unsere Vorstellungsbilder und unser produktives Denkvermögen sind durch die Tatsache begrenzt, dass unsere Welt bestimmte Eigenschaften und keine anderen besitzt.«

Freier Wille erweist sich am Ende als ein leerer Begriff. Denn je reicher unsere Kenntnis der Tatsachen und ihrer Verknüpfungen ist, desto schwieriger wird es, Alternativen zu ersinnen, und je klarer und genauer die Begriffe oder Kategorien sind, mit denen wir die Welt begreifen und beschreiben, um so starrer ist die Weltstruktur, und um so weniger »frei« erscheinen die Handlungen. Wenn man diese Grenzen der Vorstellungskraft und letztlich des Denkens selbst erkennt, dann tritt man der »unerbittlichen« vereinheitlichenden Gestalt der Welt gegenüber, und indem man die eigene Identität mit ihr begreift und sich ihr unterwirft, findet man Wahrheit und Frieden. Darin äussert sich der Wunsch eines Fuchses, die Dinge unbedingt so sehen zu können wie ein Igel.

Das kommt Maistres dogmatischen Behauptungen bemerkenswert nahe: Wir müssen zu den Forderungen der Geschichte, die Gottes Stimme sind, eine bejahende Haltung finden.

Was dies aber im konkreten Fall bedeutet und wie wir unser privates Leben oder die öffentliche Politik handhaben sollen, davon erfahren wir von beiden wenig. Das lässt sich auch nicht erwarten, denn beiden fehlt eine positive Sicht der Dinge. Beide können nur versuchen, auf das Ziel aufmerksam zu machen, indem sie auf die falschen Wegweiser zu ihm aufmerksam machen und die Wahrheit nur dadurch herausbringen, dass sie alles vernichten, was nicht diese Wahrheit ist.

Der Streit zwischen den beiden vorgestellten rivalisierenden Erkenntnisarten — dem Wissen, das sich aus methodischer Forschung ergibt, und dem ungreifbaren Wissen, das sich als »Wirklichkeitssinn« und als »Weisheit« äussert — ist sehr alt, und den Ansprüchen beider hat man im allgemeinen eine gewisse Gültigkeit zugesprochen, die heftigsten Auseinandersetzungen wurden um den genauen Verlauf der Grenze zwischen beiden Gebieten geführt.

Tolstoj gibt unserer Unkenntnis empirischer Ursachen alle Schuld, Maistre dagegen der Preisgabe der thomistischen Logik oder Theologie der katholischen Kirche.

Doch diese Erklärungen werden Lügen gestraft durch den Ton und Inhalt dessen, was diese beiden grossen Kritiker wirklich sagen. Immer wieder betonen beide den Gegensatz zwischen dem »Inneren« und dem »Äusseren«, der »Oberfläche«, die allein vom Licht der Wissenschaft und der Vernunft beleuchtet wird, und den »Tiefen«, dem »wahren Leben, das die Menschen führen«. Maistres Hymnen auf die überlegene Wissenschaft der grossen christlichen Soldaten der Vergangenheit und Tolstojs Klage über unsere wissenschaftliche Ahnungslosigkeit sollten nicht über das hinwegtäuschen, was sie in Wahrheit verteidigen: ein Gefühl für die »tiefen Strömungen«, die raisons de coeur, die sie freilich aus eigener unmittelbarer Erfahrung nicht kannten, mit denen verglichen aber ihrer Überzeugung nach die Kunstgriffe der Wissenschaft nur eine Falle und eine Täuschung waren.

Tolstoj war skeptischer Realist und Maistre vertrat einen dogmatischen Autoritarismus und beide scheinen stark gegensätzliche Positionen zu vertreten. Trotzdem sind sie engstens miteinander verwandt: Sie werden geeint durch den verzweifelten Glauben an eine einzige glückliche Sicht der Dinge.

VIII

So gegensätzlich Tolstoj und Maistre auch waren, so einte sie die Unmöglichkeit demselben tragischen Paradox zu entgehen: Beide waren von Natur aus scharfäugige Füchse, denen die unleugbaren faktischen Unterschiede, von denen die menschliche Welt gespalten, und die Kräfte, von denen sie zerrissen wird, schlechterdings nicht entgehen konnten. Beide suchten eine harmonische Welt und fanden überall nur Krieg und Unordnung, die sich von keinem noch so gut getarnten Täuschungsversuch auch nur einen Augenblick verheimlichen liess, und so waren sie in der äussersten Verzweiflung bereit, die Waffen der Kritik fortzuwerfen, um ganz der einen grossen Vision zu dienen, die so unteilbar einfach und den normalen intellektuellen Prozessen so unzugänglich war, dass ihre Verwirklichung mit den Mitteln des Verstandes nicht mehr in Angriff genommen werden konnte und gerade deswegen vielleicht einen Weg zu Frieden und Erlösung wies.

Tolstojs Tragödie besteht darin, dass er vollkommen unfähig dazu war, oberflächlich zu sein. Er konnte nicht mit der Flut schwimmen, ohne unwiderstehlich unter die Oberfläche hinabgezogen zu werden, um die dunkleren Tiefen darunter zu erforschen. Sein erschreckender, zerstörerischer Sinn für das, was falsch war, vereitelte seinen letzten Versuch der Selbsttäuschung ebenso wie alle früheren Versuche — er starb in Verzweiflung, erdrückt von der Last intellektueller Unfehlbarkeit und dem Gefühl ewigen moralischen Irrens, herausragend unter allen, die den Konflikt zwischen dem, was ist, und dem was sein soll, weder versöhnen noch unversöhnt lassen können.

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