Ibn Chaldun (1332-1406)

Eine physische Niederlage hat noch nie das Ende einer Nation herbeigeführt

Ibn Chaldun zeigte sich fasziniert von den Dynamiken, die manche Gesellschaften aufblühen und andere dominieren liessen. Der arabische Historiker und Philosoph wurde durch seine mehrbändige Universalgeschichte Kitab al-Ibar und deren ersten Teil, al-Muqaddima, berühmt: Da er dort die arabischen und Berbergesellschaften analysiert, gilt er als Vorläufer der heutigen Soziologie

Als Erklärung für den Erfolg einer Gesellschaft dient ihm der arabische Begriff asabiya: gesellschaftliche Solidarität. Ursprünglich bezog sich das Wort auf die Familienbande in Klans oder Nomadenstämmen. Im Zuge wachsender Gemeinschaften war damit die Art Zugehörigkeit gemeint, die man heute als «Solidarität» bezeichnet. Nach Ibn Chaldun existiert asabiya in kleinen Gemeinschaften wie Klans ebenso wie in Grossreichen, allerdings schwindet der Sinn für ein gemeinsames Ziel und Schicksal mit zunehmender Grösse und Dauer. Das schwächt eine Zivilisation – und so wird eine kleinere und jüngere mit stärkerem Solidaritätssinn die Macht über sie übernehmen. Eine Nation mag physisch besiegt werden, doch erst wenn sie «das Opfer einer psychologischen Niederlage wird …, bedeutet dies das Ende der Nation.»

Chalduns Konzept der Solidarität und des sozialen Zusammenhalts nimmt zahlreiche Ideen moderner Soziologen zu Gemeinschaft und Bürgersinn vorweg, darunter Robert D. Putnams Theorie, nach der die heutige Gesellschaft unter dem Zusammenbruch der Partizipation an der Gemeinschaft leidet.

IM KONTEXT
Schwerpunkt: Solidarität
Um 622 In Medina wird der erste islamische Staat errichtet.
Um 1377 Ibn Chaldun vollendet seine al-Muqaddima, eine Einführung in die Geschichte der Welt
1835 Im 1. Band seiner Demokratie in Amerika beschreibt Alexis de Tocqueville, wie die Vereinigung von Individuen zu einem gemeinsamen Ziel Politik und Zivilgesellschaft nützen.
1887 Ferdinand Tönnies schreibt Gemeinschaft und Gesellschaft
1995 Robert D. Putnam erläutert in seinem Artikel «Bowling Alone» das Konzept des sozialen Kapitals.
1997 Michel Maffesoli setzt in seiner Schrift Du Nomadisme seine Studien zum Neotribalismus fort.
Siehe auch: Ferdinand Tönnies, Robert D. Putnam, Arjun Appadurai, David Held, Michael Maffesoli